Glosse
Corona-Tagebuch

Pauls kurzer und pointierter, mal satirischer oder polemischer, journalistischer Meinungsbeitrag zum Thema Corona.

 

Post-Pandemie

Es wurden schon viele Post-Irgendwas Zeitalter ausgerufen. Wir erlebten das postchristliche und das postfaktische Zeitalter.

 24.06.2020  Paul Andersson

#6
Banner

Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) verehre ich ähnlich wie das Infektionsschutzgesetz. Beide sind bestimmt klugen Köpfen entsprungen. Schwierig ist es aber, wenn juristische Laien diese auslegen und überinterpretieren. Ich mache mir nun Sorgen, dass Rechte meine Homepage besuchen könnten. Ich habe die bestimmt nicht eingeladen und ich will nicht, dass Verschwörungstheoretiker auf meinem Server ein- und ausgehen. Auch Hasser und Spalter will ich bestimmt nicht dort wissen. Links-Extreme genauso wenig wie Antisemiten.

Also programmiere ich mir jetzt ein Banner, den Spinner-Verbanner. Ein Fenster poppt auf mit dem Inhalt: „Bitte bestätigen Sie, dass Sie kein Aluhutträger, Neo-Nazi, Impfgegner oder Israelhasser sind. - OK.“ Damit sollte ich auf der sicheren Seite sein. Und wenn alle Webseiten so ein Banner hätten, wäre das Problem gelöst. Diese fehlgeleiteten Menschen könnten nirgendwo mehr ihren Schmarrn verzapfen und friedliche Surfer verführen.

Aber jetzt gibt es ja schon Cookie-Banner, die zwischen notwendigen und Marketing-Cookies unterscheiden. Und auch die neueste Rechtsprechung geht in diese Richtung. Müssen wir dann einigen dieser Spinner Notwendigkeit attestieren? Ja, durchaus! Es könnten tatsächlich auch bei dieser minderbemittelten Minderheit vereinzelt einige Gedanken nicht ganz falsch sein und sich in der Auseinandersetzung mit diesen, sowohl unsere Gesellschaft als auch die Demokratie weiterentwickeln. Übrigens ganz so wie bei Viren, die eine wichtige Rolle in der Evolution spielen.

In solchen Situationen stehe ich immer auf der Seite der für „verrückt“ erklärten „Ehehälfte“. Die ist nämlich nicht verrückt. Die will nur endlich gehört und gesehen werden.

Jürgen Fliege

 24.06.2020  Paul Andersson

#5
Restrisiko

Wie man mit der scheinbaren Auflösung eines sogenannten Restrisikos die Wahl gewinnt? Merkel kündigte 2011 nach dem Super-GAU in Fukushima an, alle deutschen Atomkraftwerke bis 2022 abzuschalten. Das Restrisiko sei in der heutigen Zeit für die Gesellschaft nicht mehr akzeptabel. 2019 dreht die Welt sich um das Restrisiko Coronaviren oder genauer SARS-CoV-2. Und auch diesmal könnte die CDU/CSU die nächste Bundestagswahl gewinnen, als Volkspartei, die die Gesellschaft vor einem Restrisiko befreit! Oder dem Volk nach dem Mund redet.

Oberflächlich betrachtet machte das durchaus Sinn. 80% der Bevölkerung begrüßte damals wie heute den Beschluss der Regierung. Aber die Reaktoren in Deutschland stehen in keinem Erdbebengebiet und ein Tsunami ist ausgeschlossen. Die schrecklichen Bilder aus Japan hatten sich in unseren Köpfen eingebrannt, die Emotion hatte über die Ratio gesiegt. Die Atompartei CDU nutzte diese Angst der Bevölkerung schamlos aus und vollführte einen beispiellosen Rückwärtssalto, der im Ergebnis den Strompreis und den CO₂-Ausstoß in die Höhe trieb. Kernkraftwerksbetreiber erhielten Schweigegeld aus Steuermitteln.

Und heute 2019 treiben die Bilder aus Bergamo und New York die Bevölkerung in die offenen Arme von Merkel. Mutti wird uns beschützen und vom Restrisiko einer Infizierung befreien. Kollateralschäden, das Verfehlen der Klimaziele und das Aussetzen des Grundgesetzes bezahlen wir gerne mit unseren Steuern (und Daten). Wer 2021 die Bundestagswahl gewinnen dürfte, können wir also schon ahnen. Ein Blick in die Geschichte ist oft lehrreich. Ein Restrisiko wird immer bleiben.

 19.06.2020  Paul Andersson

#4
Bergwandern

Also ich bin gerne bereit jede Maßnahme anzunehmen, die sinnvoll und nachhaltig ist und zur Vielfalt beiträgt. Ich leugne Corona nicht und nehme jede Krankheit ernst. Aber nun zur Bergwanderung: Bei schönstem Wetter in den Allgäuer Alpen. Schmale Pfade. Viele Ausflügler. Alles gut! Man grüßt freundlich und zwängt sich in wenigen Sekunden aneinander vorbei. Frische Luft, Wind sowieso. Da würde auch die Corona-App ganz entspannt NICHTS melden, selbst wenn der unerhörte Zufall einträte, dass ein Corona-Positiver meinen Weg kreuzen würde.

Endlich die Berghütte. Fantastisches Panorama. Müde Beine, durstige Kehle. Zwei Meter vor den ersten Tischen steht ein großes Schild. Ab hier Maskenpflicht! Die Wanderer, die sich zuvor schon an einem vorbeigedrängelt hatten, sitzen schon. Der Weg zum nächsten freien Tisch, ein paar Meter. Selbst wenn ich Covid-19 krank wäre und jetzt hier am Schild schwer nach Luft ringen würde, wen sollte ich auf diesen letzten Metern noch gefährden? Die fitten Wanderer, die da mit Sonnenbrille und Weißbier in der Sonne sitzen, gehören wohl eher nicht zur Risikogruppe. Ich lass die Maske in der Hosentasche.

Der Gebrauch von Masken im öffentlichen Raum ist schon allein aufgrund des Fehlens von wissenschaftlichen Daten fragwürdig.

Krankenhaushygiene up2date 2020; 15(03): 279-297

 31.05.2020  Paul Andersson

#3
Differenzieren

Es ist wie mit Haustieren: z.B. Herrchen und Hund werden sich immer ähnlicher. Jetzt im Post-Analogen, in der Zeit also in denen das kleine digitale Irgendwas unser täglicher Begleiter und Freund ist, denken auch wir vermehrt digital. 1 und 0. As simple as that! Gut und Böse. Wahr und Falsch. Gesund und Krank. Liebe und Hass. Leben und Tod. Versuchen Sie doch einmal, mit einem Apple-Jünger und Steve-Jobs-Verehrer über Bill Gates und die Vorzüge von Windows zu diskutieren. Vorbei. Analoges Denken gleichermaßen wie ergebnisoffener Diskurs. Glaubenskriege wird es immer geben, und sie werden die Menschheit wohl überleben.

Was ich mir nun für meine Kinder und kommende Generationen wünsche? Keine digitale Schule, sondern Differenzieren als Hauptfach und fächerübergreifend! Da könnten die Schüler lernen, dass gute Menschen auch Böses tun und böse Menschen durchaus gut sein können. Dass die Wahrheit durchaus falsche Ergebnisse verursachen kann und aus Fehlern auch wahre Erkenntnisse gewonnen werden können.

 30.05.2020  Paul Andersson

#2
Verschwörung

Wissenschaftler haben ein neuartiges Virus entdeckt. Sein offizieller Name [hier setzen Sie bitte wahlweise ihren Lieblingsfeind ein: BILD, KenFM, Drosten, Hildmann, Tichy, Merkel, Gates, Söder, u.v.a.]. Übertragen wird es in der deutschsprachigen, meist sozialen Medienlandschaft, als Rezeptoren dienen ihm digitale Algorithmen und emotionale Kommentare oder Likes. Eine Medizin oder Impfung gibt es noch nicht, daher wird es als sehr gefährlich eingestuft. Verbreitung unbekannt, es muss von einer großen Dunkelziffer ausgegangen werden. Befallen werden vornehmlich unzufriedene Bürger.

Während die Mainstreammedien vor dem Virus warnen und den Verlust der Demokratie befürchten, melden alternative Medien einen Zugewinn für die Demokratie durch selbiges Virus. Es ist ein Glaubenskrieg über die Funktion der Viren im Allgemeinen und dieses Virus im Speziellen ausgebrochen. Es könnte die Evolution der Gesellschaft vorantreiben und ihre DNA mit kritischen Sequenzen bereichern. Nebenwirkungen sind zu erwarten.

Es gibt auf der Erde zehn hoch 33 Viruspartikel. Rund 50 Prozent unseres Erbguts stammen von Viren. Sie sind Antreiber der Evolution und haben Neuerungen ins Erbgut gebracht. Ohne Viren hätten wir keine Verdauung, und sie schützen uns auch vor Infektionen. Sie können uns schaden, aber auch besonderes hervorbringen. Wir brauchen sie!“

Karin Möllner, ZEIT-Magazin N°22

 29.05.2020  Paul Andersson

#1
Atem

Wir stehen an einer Bushaltestelle. Mein 3-jähriger Sohn und ich. Vor uns 6 Spuren voller Autos, unter uns die Autobahn. Die Sonne scheint, wolkenlos der Himmel. Es stinkt nach Autoabgasen. Ich halte das Kind an der Hand, damit es Abstand hält von anderen Fahrgästen. Die Verkehrsgesellschaft fordert mich auf auch an der Haltestelle einen Mund- und Nasenschutz zu tragen.

Mein Atem scheint hier das Problem zu sein! Während die Autos neben und unter uns Kohlenstoffdioxid, Stickoxide und Feinstaub ohne Maske ausscheiden dürfen. Ich blicke in unschuldige Kinderaugen und sehe unsichtbare Gifte in die kleinen, feinen, reinen Lungenflügel einströmen. Die Schlagzeilen der Boulevardblätter warnen vor dem Virus, dem Aerosol und versprechen der Auto- und Luftfahrtindustrie Staatshilfen in Milliardenhöhe. Ich atme tief durch!