Führung als schöpferische Aufgabe

Pauls Bücherschau »Gott ist ein Kreativer - kein Controller« mit Videointerview »12 Fragen an Frank Dopheide«

Es ist Zeit die Welt der auserwählten Spezies der Manager auf den Kopf zu stellen. Denn McKinsey und Freunde haben ihre Effizienzrechnung und Erfolgsrezepte ohne den Menschen gemacht. Wäre Moses mit zehn Excelcharts vom Berg Sinai gekommen, wäre die Geschichte der Menschheit anders verlaufen. Obwohl Führung zuallererst die Fähigkeit bedeutet, Menschen zu bewegen, scheinen Pädagogen, Psychologen oder Theologen dafür maximal ungeeignet. Sie schaffen es bei der Personalauswahl für höchste Führungsposten nicht mal bis in die Wiedervorlagemappe. Der Top‐Floor wird bevölkert von Zahlenmenschen. Ihr mathematischer Dreisatz heißt: Wachstum, Effizienzsteigerung und Profitmaximierung. Sie werden von einer fremden Macht gesteuert, genannt: der Markt. Ihre Aufgabe sehen sie nicht darin etwas Neues von Wert in die Welt zu bringen, sondern den Unternehmenswert zu steigern.

Die Führungskräfte sprechen heute meist die Sprache der Zahlen. Kein Land hat mehr CFOs auf den Chefsessel gehoben als Deutschland. Die Entwicklungssprünge der Welt sind natürlich ohne die Zahlen undenkbar – Zahlen sind wichtig. Wer gut rechnen kann, ist schlau. Mit dem Zahlenexperten am Hebel der Macht, wechselte der Erfindungsreichtum aus der Produktionshalle in die Finanzabteilung. Die Magie des Financial Engineering erblüte. Woran Alchemisten jahrhundertelang gescheitert waren, gelang den Zahlenzauberern: Sie entdeckten geheime Formeln, um mit Rechenkünsten neues Geld zu produzieren. Man verdiente Geld mit Geld. Das war profitabel.

Und hier beginnt das Problem. Die Führungskraft denkt, sie ist verantwortlich für die Zahlen. Falsch. Sie ist verantwortlich für die Menschen, die die Zahlen liefern. Mit Zahlen die Welt, die Organisation und den Menschen zur Zusammenarbeit bringen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Zahlen kann man hin und her schieben. Menschen muss man führen. Ihre Fähigkeiten sind das große Kapital, aber dafür hat nicht mal Adam Riese eine Formel. Wer seinen Lebenspartner kurz vor Weihnachten zum Jahresgespräch inklusive Zielvereinbarung bittet, wird den Unterschied zwischen Theorie und Praxis am eigenen Leib spüren.

 

 

»Als Hirnforscher muss ich sagen: Dass wir für Geld arbeiten, war die dümmste Idee, die wir in unserer Menschheitsgeschichte entwickeln konnten.«

Prof. Dr. Gerald Hüther, Neurobiologe

Zahlen sind abstrakte Wesen. Anders als der Zahlenliebhaber glaubt, haben Zahlen keine verbindende Kraft. Sie stiften keinen Sinn, wecken keine Energie, und man kann nach Feierabend nicht fesselnd davon erzählen. Hätte Martin Luther King gerufen: „I have a business plan“, hätte er allein vorm Lincoln Memorial gestanden. Eine Zahl zum ultimativen Ziel zu erheben geht zu hundert Prozent schief. Die entscheidende Variable jeder Erfolgsformel ist der Mensch.

Die vornehmliche Aufgabe von unternehmerischer Führung ist also nicht die Einsparung, sondern der schöpferische Akt. Gott ist kein Zahlenprediger, sondern ein kreativer Geist. In seiner, oder ihrer, unendlichen Weisheit hat Gott uns zwei Gehirnhälften gegeben – übrigens von gleicher Größe. Wenn wir beide nutzen, sind unsere Möglichkeiten doppelt so zahlreich. Denken wir mal darüber nach.

Also dank der Kreativität, gibt es Licht am Ende des Tunnels, wenn es aus Budgetgründen nicht vorher ausgeschaltet wird. Und Dank Frank Dopheide, Chef der Düsseldorfer Purpose-Agentur human unlimited, gibt es jetzt das Buch „Gott ist ein Kreativer. Kein Controller.“!

Ich habe dem Autor 12 Fragen gestellt.

Paul Andersson: Frank, warum hast du dieses Buch geschrieben?

Frank Dopheide: Ich könnte sagen, es war eine lange Leidensgeschichte. Ist natürlich nicht ganz so. Aber als Kreativer – ich war mal Werbetexter und dann Kreativdirektor und dann Chairman einer großen Werbegruppe Grey – bin ich irgendwie in die Welt der Top-Entscheider gespült worden und war natürlich ein Alien. Der Beruf als Chairman hatte nichts mit meinem kreativen Leben vorher zu tun. Auf einmal war ich gefangen in Excel Tabellen und Forecasts und Redundancy Plänen und das hat mich sehr irritiert. Weil du hast in diesen Global Meetings niemals über den Kunden geredet oder den Mitarbeiter oder die Arbeit, sondern nur über Zahlen. Und irgendwie im Laufe der Jahre habe ich das Gefühl bekommen, da ist so eine neue Religion entstanden - eine Allmachtsfantasie. Mit Zahlen kannst du die Welt regieren und alles managen. Wenn wir ein Problem haben, dann überweisen wir eine Milliarde und dann ist das Problem gelöst. Jetzt in Corona sehen wir: Pass auf! Du brauchst immer noch einen, der einen Impfstoff erfindet. Du brauchst auch jemanden, der den dann impft. Und du brauchst immer noch einen, der sich richtig verhält. Also vielleicht sollten wir „den Mensch“ aus dieser Diskussion nicht rauslassen. Deshalb, um mal die andere Perspektive zu eröffnen – nach einem halben Jahrhundert der Zahlengläubigen – gibt es dieses Buch.

P.A.: Wie können Manager ihren oft auf Zahlen eingeschränkten Blick hin zu den Bedürfnissen der Mitarbeiter und Kunden öffnen?

F.D.: Zuerst einmal, das machen die nicht von alleine. Das muss wirklich Schmerzen geben. Wenn die Manager Schmerzen haben, weil das Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. Wenn das ganze Thema Mitarbeiter „Employer-Branding“ usw. nicht mehr funktioniert und wenn die Kommunikation auch nicht mehr funktioniert, dann werden sie sensibel. Vielleicht werden sie dann sagen: Wir müssen uns etwas einfallen lassen, etwas Neues! Das ist der Hoffnungsschimmer, den es dann gibt. Die meisten von denen sind ja auch Menschen, die haben auch eine rechte Gehirnhälfte. Manager sind auch in der Lage Freude zu empfinden, unsinnige Dinge zu tun: z.B. 400 EUR für eine Flasche Rotwein auszugeben oder unglaublich viel Geld für ihren Hund oder den Fußballverein oder such dir irgendwas aus... In diesem Punkt sind Menschen immer empfänglich und ich glaube, da kann man ansetzen. Damit will ich sagen, dass in dem Moment, wo wir das menschliche Vermögen, Ideenreichtum, Kampfgeist, Durchhaltewillen, all das aktivieren, sind beide Gehirnhälften im Einsatz. Dann ist das Möglichkeitsspektrum doppelt so groß. Solange wir nur in der Excel Tabelle und mit der linken Gehirnhälfte, der rationalen, unterwegs sind, ist das wie ein Navi, das nur eine Route hat, nämlich immer die sparsamste. Und auf dieser Route sind dann alle unterwegs und es gibt Staus. Also, vielleicht ist es sinnvoll, auch mal was Unsinniges oder scheinbar Unsinniges zu denken oder zu tun.

P.A.: Die Manager leben scheinbar in ihrer eigenen Blase. Inwieweit haben sie sich da von ihren Mitarbeitern und Kunden entfernt? Was das Gehalt betrifft, aber auch was ihr ganzes Lebensumfeld betrifft.

F.D.: Sie werden natürlich durch die Karriereleiter und den Weg nach oben entmenschlicht, ein bisschen zumindest. Also wenn wir uns angucken – wir haben ja beide Kinder – wovon träumen die? Was willst du werden, wenn du die Welt mit Kinderaugen siehst? Du willst Delphintrainer werden oder Cowboy oder Astronaut oder Influencer, aber du willst bestimmt nicht Controller werden. Das passiert seltsamerweise eine Woche vor dem Abitur. Weil die Schule dir nicht aufgezeigt hat: „Wo ist eigentlich deine Begabung?“ Sondern weil dir nichts anderes einfällt. Der größte Studiengang ist BWL (Betriebswirtschaftslehre), für Jungs und Mädels! Mit BWL kannst du irgendwie noch immer alles machen. Und dann werden die wie zu Lemmingen. Sie werden alle immer gleicher, die ganzen Lebensläufe werden immer gleicher. Die haben ein gutes Studium, die waren im Ausland, die sprechen drei Sprachen, die haben irgendwie was Soziales gemacht. Dann kommen sie auf die Karriereleiter, die ist ja immer noch enger. Und da wird all das, was eigentlich den Unterschied macht – das Menschliche und das Irrationale – raustrainiert. Die Karriereleiter trennt sich praktisch vom wahren Leben. Die werden zuhause abgeholt, wenn sie es ganz nach oben geschafft haben, mit dem Fahrer, die werden direkt vor die Hauptverwaltung gefahren. Die haben einen eigenen Aufzug und oben wartet einer, der schenkt ihnen schon Kaffee ein. Die haben keine Berührung mehr, mit dem was draussen passiert und verlieren so natürlich auch ihr Gespür für das Leben, für die Werte, für die Widerstände, für die Bedeutung.

P.A.: Ist es zu böse, wenn ich behaupte, dass Manager in erster Linie ihre eigene Karriere managen? Nach dem Motto: „nach mir die Sintflut“!

F.D.: Ja, da werden sie auch hingetrieben. Also alle Zielvereinbarungen, alle Vertragslaufzeiten sind kurzfristig und sind auf kurzfristigen Erfolg monetarisiert. Auch wenn jetzt alle sagen: „Das ist doch schon besser geworden, weil ich kriege meinen Bonus erst in 2 Jahren ausbezahlt.“ Aber schau mal: Was war denn an dem Chefschreibtisch bevor der Manager da hinkam? Da war Deutschland – wenn wir die Wirtschaftswunderzeit nehmen – das Land der Erfinder und der Gründer. Das waren so die Neckermanns und die Deichmanns... Da haben wir viele Dinge in die Welt gebracht, die es vorher noch nicht gab. Weil wir geschaut haben, wo ist eigentlich ein Bedürfnis und was wäre doch mal sinnvoll und wünschenswert zu entwickeln. Die sind dann irgendwann in Rente gegangen und dann kam das Modell Manager. Das waren die Endoptimierten, die rationalen Optimisten. Die hatten gar nicht mehr die Vorstellung: wir müssen Führung jetzt als schöpferischen Aufgabe wahrnehmen, etwas in die Welt bringen, das einen Wert hat. Sondern die hatten die Aufgabe, wir müssen den Unternehmenswert erhöhen. Und mein eigenes Vorstandsgehalt. Da ist was schiefgelaufen. Die Börsenkurse – das sehen wir ja gerade jetzt – sind all time high. Wie irre ist das eigentlich? All time low ist aber: Zufriedenheit der Mitarbeiter, Loyalität der Kunden, Akzeptanz in der Gesellschaft. Diese Nebenwirkung haben sie alle nicht auf dem Schirm gehabt. Und jetzt kommt der große Rückschlag: Am Ende machst du ohne Menschen gar kein Geschäft. Insofern ist die große Aufgabe: Gewinn die Menschen wieder zurück für dich!

P.A.: Früher würde ich sagen, gab es ja auch eine Identifikation mit den Firmen. Und es gab auch noch eine Identifikation über Gott, man hat sich z.B. in der Kirche getroffen - Vereine waren wichtig! Und jetzt? Was vereint noch die Manager mit den Mitarbeitern und Kunden?

F.D.: Also Manager glauben, es seien „die Zahlen“. Das ist es aber natürlich nicht. Wenn wir in Höhlen nachschauen, da waren nie Zahlen und Striche gemalt, sondern es waren immer Stories, Glauben, höherer Sinn, der Wunsch sich weiterzuentwickeln. Weil du Gott angesprochen hast: Wir haben im Deutschen das schöne Wort „beseelt“ von etwas zu sein. Und wir kennen alle Menschen, die haben ihr Ding gefunden, die sind beseelt von dem, was sie tun. Der Malermeister, der Bäcker der Stadt, der beste Metzger, der ist irgendwie anders als die anderen Metzger. Wir kennen Karl Lagerfeld, der war beseelt von Mode. Greta von Umwelt, Jane Goodall von ihren Affen. Man hat das Gefühl, die haben eine große innere Kraft und eine hohe Faszination auf andere Menschen. Eigentlich geht es wieder darum zu sagen: „Für wen oder was tun wir das hier eigentlich jeden Tag?“. Und das ist die Kernaufgabe der Führung in Zukunft.

P.A.: Du hast den unpopulären Begriff „Gott“ auf dein Buch-Cover gehoben. Hat es nur Marketinggründe, oder steckt auch eine religiöse Absicht dahinter?

F.D.: Wenn dann nur indirekt. Aber ich glaube zutiefst, dass der Ursprung von allem ein schöpferisches Wesen ist. Das, was mit unserem Planeten passiert ist, kann ich nicht anders erklären. Schau dir mal den Rest des Universums an, da wollen wir alle nicht leben. Auch wenn alle jetzt zum Mars wollen. Schau dir an, welche Entwicklung die Menschheit genommen hat, dann denkst du, das hat schon irgendwas Göttliches in sich. Wir können das ja nicht einfach ignorieren, dieses Prinzip zur Seite schieben und sagen: Das neue Prinzip ist Geld verdienen. Wenn du genau beobachtest, dann sind außer ein paar Superreiche alle ärmer dabei geworden – unser Planet, die meisten Mitarbeiter, die Gesellschaft insgesamt. Deshalb brauchen wir mal ein alternatives Denkmodell. Wenn das Urprinzip des Lebens und dieses Planeten ein anderes ist, vielleicht sollten wir nochmal kurz zurücktreten und drüber nachdenken, ob das nicht der eigentliche Sinn unseres Tuns sein könnte.

P.A.: Also das ist dann der Konflikt zwischen Schöpfung und Zufall, oder wie siehst du das?

F.D.: Nein, anders herum! Ein Konflikt zwischen Schöpfung und Effizienz. Stell dir vor, Gott wäre ein Manager. Was würde der jetzt machen? Der würde uns eine Mail schicken und sagen: „Du pass auf, Destiny 2030, ich habe mir das angekuckt. Unser Planet ist ein Fading Star, weit hinter allen Benchmarks. Personalausstattung viel zu hoch, wir müssen über Outsourcing nachdenken. Die Frequenz in unseren Flag-Ship stores, den Kirchen, ist auch nicht mehr so hoch, also die Hälfte wird abgeschaltet. Wir machen weltweit Einkauf von Energie und Licht, da können wir auch Geld sparen.“ Dann merkst du, wie man es ins Absurde treiben kann. Wann immer der Mensch ins Spiel kommt, herrscht auf einmal Monokultur. In der Natur, wenn wir über Pflanzen reden. In der Behandlung von Menschen, wenn diese plötzlich „Human Resources“ und kleine Rädchen werden. Da herrscht gar nicht mehr die Vielfalt, der Unterschied, die Faszination und Schönheit des Lebens, sondern nur die Effizienz. Das gesamte Leben – und der Mensch schon gar nicht – funktioniert so.

P.A.: Glauben Sie, dass die Manager eine göttliche Instanz brauchen? Früher war es das Orakel, heute ist es Excel, in Science-Fiction sind es allwissende Computer, die uns Rat geben.

F.D.: Also an den allwissenden Computer glaube ich null. Ehrlich gesagt, der weiß überhaupt nichts, der kann was rechnen. Für den Computer besteht die Welt aus Null und Eins. Für Menschen ist noch ziemlich viel Platz dazwischen. Also braucht es eine göttliche Instanz? Ja! Wir können sagen, das ist der Sinn, das ist das Gewissen, das ist das gemeinsame Bild. Wohin wollen wir das entwickeln? Das ist auf keinen Fall Geld und Profit alleine, so wie die Manager jetzt denken.

P.A.: Wie können wir den Typus Manager, wie Sie ihn in Ihrem Buch beschreiben, upgraden? Reicht eine bessere Ausbildung, noch mehr Coaches – oder muss sich die Gesellschaft selbst ändern?

F.D.: Also die Gesellschaft muss Druck machen. Das macht sie auch. Wir merken ja, dass die Gegenbewegungen der Gesellschaft und der Politik auch gegenüber Facebook, Amazon und Co zunehmen. Der Druck wird irgendwann so groß, dass sich da was bewegt. Das wird passieren. Gleichzeitig müssen wir, so absurd sich das anhört, manche Manager loben. Ihnen positives Feedback geben. Die sind in ihrem Hamsterrad gefangen. Und viele der Systeme in großen Organisationen sind so gebaut: von Reportings, Quartalsergebnissen, von Zielvereinbarungen, Vorstandsvergütung. Da kommt man nur sehr schwer raus, selbst wenn man es verstanden hat und auch entschlossen ist, es zu versuchen. Du musst wie bei kleinen Kindern, wenn sie etwas Gutes tun, ihnen auf den Rücken klopfen, sie hochheben, sie belobigen, damit sie in diese Richtung weiteres Gespür entwickeln. Und dann bewegen sie sich auch. Es gibt nichts, das so viele Menschen bewegt wie die Arbeit - jeden Tag, acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Wenn du da 10% besser wirst, hast du einen gigantischen Impact. Natürlich muss auch die Gesellschaft als Beschleuniger wirken durch Druck und Anerkennung.

P.A.: Was sollte Ihrer Meinung nach an Schulen gelehrt werden? Wie können Schüler und Schülerinnen fit gemacht werden für ein Leben als Manager?

F.D. Ich finde, die Schule sollte erstmal Menschen ausbilden. Ich finde – ich habe 3 Kinder – die Schule hat nicht erkannt, welche Gaben sie haben, sie hat diese nicht freudvoll gefördert. Sie hat die nicht entwickelt, sondern sie hat irgendwas, was Lehrpläne versucht haben vorzugeben, in diese kleinen Köpfe zu pressen versucht. Und manchmal war es so schrecklich, dass, obwohl du als Elternteil siehst, er oder sie haben Talent dafür, hat der Lehrer das ausgetrieben. Weil er die Freude daran ausgetrieben hat. Und insofern finde ich, muss die Schule die Aufgabe haben: Seid neugierig, entdeckt, was in euch steckt, nicht nur Lerninhalte, die man heute – leichter denn je – aus dem Netz runterladen kann. Entwickelt persönliche Stärke, und zwar in jedem Bereich: Kreativität, menschliche Interaktion, natürlich auch Rechnen, Sprache, natürlich auch Musik. Aber eigentlich, dass man alle Anlagen einmal anspricht und dann schaut, wo ist am meisten Resonanz und in welche Richtung solltet ihr euch eigentlich weiterentwickeln. Es ist schrecklich zu sehen, dass weltweit Mathematik das Fach aller Fächer ist. Ich habe viel Geld für Nachhilfe ausgegeben, niemals für Nachhilfe in Religion und Handarbeit. Wenn du ne Eins in Mathe hattest, hattest du schon mal die Hälfte im Sack, obwohl das ja nur ein Fach war. Das ist verdreht, dass muss sich irgendwie neu aufstellen.

Wenn wir in die Zukunft kucken: die Hälfte der Jobs, die es jetzt gibt, waren noch nicht mal denkbar, als ich angefangen habe im Berufsleben. Drohnenfliegerpilot, Anbau von Hafermilch, also Dinge, wo du denkst, da kann ich lange drüber nachdenken, auf die Idee komm ich nicht. Und wir ahnen aber, dass die menschlichen Talente in Zukunft – die Empathie, die Kommunikationsfähigkeit, das Ausdrucksvermögen, egal ob Tanz, Musik, whatever – viel wichtiger wird als das reine kurzfristige Lernen von Inhalten, die man dann doch wieder vergisst.

P.A.: Sollten wir eher Excel, und die ganze MS Office Familie, als Pflichtfach einführen – oder wäre es besser Philosophie, Religion und Kunst aufzuwerten?

F.D.: Ja, total. Also wir schauen: Was unterscheidet den Menschen von allen anderen Lebewesen. Und diese Anlagen in ihm, die müssen gefördert werden. Ich hab mal gelernt, der genetische Unterschied zwischen all uns Menschen ist 0,1%. Was wir in der gesamten Ausbildung von Kindergarten bis Chefschreibtisch machen, ist, diese 0,1% so klein wie möglich zu machen. Eigentlich müsste die Aufgabe für die Menschheit andersherum sein. Lasst uns so viel wie möglich aus diesen 0,1% machen. Und wenn du nicht Mathe und nicht Latein kannst, aber das gigantisch gut, dann hilft uns das vielleicht, lass mal kucken wo und wie.

P.A.: Du sagst Excel sei eine Erfindung des Teufels und meinst damit die Zahlengläubigkeit der Menschen. Siehst du da Parallelen zur Corona-Krise? Der eingeschränkte Blick auf Inzidenzen, eingefärbte Karten und wunderbar gestaltete Grafiken, die nur eine Richtung kennen, erinnert mich auch an die Börse. Wann kommt der Crash?

F.D.: Die gesamte Gesellschaft spürt, inclusive der Anlegercommunity, da stimmt irgendwas nicht. Aber nicht zu früh zucken, damit du nicht rausfällst aus dem möglichen Gewinn. Es gibt ja dieses wunderbare Bild: Per Anhalter durch die Galaxis. Was ist die Lösung für alle Fragen der Menschheit? 42 ist dann die Antwort. Es ist total irre, das Leben in seiner Vielfalt in Kästchen packen zu wollen und dann noch zu glauben, das Leben und die Menschen halten sich an Kästchen. Das geht immer schief. Ich freue mich, dass du den Inzidenzwert ansprichst, weil wir merken, mit dem alleine können wir überhaupt nichts machen. Gar nichts. Der macht uns nur irre. Und dann wird die Verhaltensmaßregel jede Woche geändert, weil wir merken, das ist nicht in der Lage als Steuerungsinstrument zu dienen. Was passiert, wenn Manager das machen? Dann kommt auf einmal, dass Manager dir erzählen, das Wichtigste ist unser Kunde oder der Mitarbeiter. Immer eins von den beiden. Dann sagst du: wir kucken mal in Ihren Kalender. Wann haben Sie das letzte Mal einen Kunden gesehen? Dieses Jahr nicht, letztes Jahr nicht, vorletztes Jahr. Dann sage ich: Mitarbeiter, ja, nicht Ihre acht Direct Reports, die anderen 80000. Der beschäftigt sich den größten Teil seiner Zeit mit Zahlen. Sie denken, ihre Aufgabe ist es, Zahlen zu managen, wo du denkst: Zahlen kannst du doch nicht managen. Du kannst sie subtrahieren und addieren und dividieren. Es gibt auch jemanden, der muss sich um Zahlen kümmern. Das verstehen wir ja. Aber deine Aufgabe ist: Kümmer dich um die Menschen, die die Zahlen bringen. Das ist ein total anderes Führungsverständnis. Das ist völlig auf die schiefe Bahn geraten. Insofern ist die Aufgabe der Manager der Zukunft – die sollten schon mal nicht so heißen – sie müssen die Menschen lieben und die Zahlen verstehen. Und dann bin ich wieder voll der Hoffnung.

P.A. Lieber Frank Dopheide, herzlichen Dank für dieses Interview, deine Zeit und die inspirierenden Gedanken.

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